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AUTOPSIA III

Die Ausstellung Autopsia III, welche wie ihre beiden Vorgängerinnen die kritisch-analytische „Beschau“ festgefahrener mentaler und emotioneller Muster in unserer Zivilisation zum Generalthema hat, lässt pointiert über zwei künstlerische Positionen zur Reflexion des „Betriebssystems Kunst“ anregen.
„Der Kunstmarkt ist ein äußerst undurchsichtiges Pflaster und in der Galerieszene herrscht für den Künstler meist Intransparenz“, sagt Manuel Gras von der Künstlergruppe „Haus Gras“, welcher auch Jane Doe angehört und auf die das Konzept sowie der fotografische Part der in der Ausstellung präsentierten interaktiven Installation Kunst zum Erschießen zurückgeht1: „Kunst zu erschaffen, zu veröffentlichen, auszustellen, aber auch diese zu kaufen und zu besitzen ist ein Prozess höchster Verantwortung – sowohl auf Seiten der Produzenten als auch der Konsumenten. Um diese Reflexion anzustoßen, ruft das Haus Gras zu den Waffen und propagiert einen aktiven Vergleich zwischen dem Verantwortungsbewusstsein in der Sphäre der Kunst und des Einsatzes von Schusswaffen.“ Geschossen werden darf auf je 80 x 60 cm große Schützentafeln, deren Bilder beispielsweise The next best Superstar, The Gallerist, Female Artists, The rich Child oder Viennese wild pigs repräsentieren. Allfällig schwelende Aggressionen gegenüber diesen oder auch anderen Sinnbildern der (Kunst-)Society können somit Schuss für Schuss abgebaut werden, wobei die diesbezügliche Aktion der somit tätlich-tätigen RezipientInnen zugleich den „Anteil des Betrachters“ (und potenziellen Käufers) am Prozess der Transition eines künstlerischen Produkts zum (zunehmend anerkannten) Kunstwerk „eindringlich“ wahrnehmbar macht.
Gegenüber traditioneller Kunstbetrachtung bedeutet solch „tätlicher“ Eingriff in das „Werk“ freilich eine Transgression diesbezüglicher Konventionen. Transgression/Überschreitung ist im Kontext des „Autopsia“-Konzepts positiv konnotiert, so wie sie etwa von Foucault in seinem Bataille-Essay „als ein Verfahren der Entdeckung, der Erkundung in unbekanntem und noch nicht begangenem Gelände verstanden wird. In einem übertragenen Sinn ist solche Grenzüberschreitung, bezogen auf disziplinäre und disziplinierende Raum-Ordnungen störend und zerstörerisch. Der Aphorismus ‚Schuster bleib bei deinen Leisten!‘ wird durch Transgression außer Kraft gesetzt. […] Beschränkung (mit dem Korrelat der Beschränktheit) ist der genaue Gegenbegriff zu Transgression/Überschreitung, dessen moderne Geschichte im poetischen Weltbild der deutschen Frühromantiker beginnt, deren ‚chemische Theorie der Mischung‘ eine transgressive Theorie par excellence ist.“ (Karlheinz Barck2)
In dem in unserer (Kunstbetriebs-)Gesellschaft nach wie vor virulenten Hang zur Beschränkung/Beschränktheit ortet Tihomir Pajtasev, Künstler und Initiator u.a. der „Autopsia“-Reihe, seinerseits ein dem künstlerisch-poetischen Denken und Tun zuwiderlaufendes, die „chemische Theorie der Mischung“ destruktiv unterlaufendes Prinzip, indem er z.B. sagt: Nicht die verordnete Regel, die sofort erkennbare Systematik, sondern „die Intuition ist die Farbe und Lebendigkeit des Verstandes“. Für Pajtasev steht Transgression somit auch in direkter symbiotischer Verbindung mit Erforschung/Durchleuchtung/Durchdringung, dem primären Anliegen also von „Autopsia“, welches er auch als „Investigation“ beschreibt.

Nicht allein aber diese (kritisch-)analytische Betrachtungsweise bringt uns laut Pajtasev dem (intuitiven) künstlerisch-poetischem Sein näher, es bedarf gleichermaßen einer „kontemplativen“ Betrachtung, über welche ein „inneres Hören“ geöffnet zu werden vermag. Solche „Contemplation“ – hier als eine der „Investigation“ parallel zur Seite gestellte Methode – ist ihrerseits durch die Dominanz logisch-konstruktiver Denk- (und Spekulations-)Muster der Unterdrückung anheimgestellt.
Seine eigene Arbeit als bildender Künstler bezeichnet Pajtasev als „analytische Poesie im Bild-Text“. Analysiert werden hier zunächst diverse gesellschaftliche Verhaltensmuster sowie auch eigene Erfahrungen damit; als „Poesie“ kommt dabei das zur Sprache, was zwischen den Zeilen der äußeren Wahrnehmung liegt – und als „Bild-Text“ wird dieser Prozess letztlich formuliert, visualisiert, publiziert. Der von Tihomir Pajtasev gerne zitierten Aussage des anglo-amerikanischen Schriftstellers Henry James (1843—1916): “an achievement in art or in letters grows more interesting when we begin to perceive its connections; and indeed it maybe said that the study of connections is the recognised function of intelligent criticism”

Lucas Gehrmann
Kurator

 

AUTOPSIA II

Die als Kontinuum Seines Schaffens zu verstehende Intention des Künstlers Tihomir Pajtasev objektivierbare kausale Zusammenhänge gesellschaftlich immanenter Wesenszüge und Befindlichkeiten abseits parteipolitisch sanktionierter Feigenblattstaatskunst (...) zu thematisieren, eröffnen, vor der Folie des kosmopolitischen Hintergrundes des Künstlers und die damit einhergehenden Fähigkeiten des höchst polyglotten Menschen Tihomir Pajtasev auch die Grammatik der mannigfaltigen Formensprachen der Kunst zu einer Art Selbstverständnis werden zu lassen, den zur Kritik, sowie auch zur Selbstkritik fähigen Kunst- Rezipienten einen von freier Themata- und Medienwahl bestimmten Raum gelebter interdisziplinärer Befasstheit.

Textbild

Bedingt durch die ins Treffen geführte Multilingualität des Künstlers und die damit einhergehende Auseinandersetzung mit dem Trennenden und Verbindenden des gesprochenen und geschriebenen Wortes, sowie der Funktion von Sprache als Kulturtechnik an sich, bekommt das „Textbild“, als Auflösung aller künstlerischen Gattungsgrenzen zugunsten einer einander bedingenden Durchdringung von Literatur und Abbild und als Form einer neuen Ausdruckspotenz, neben und in Verbindung mit der auf eigenen Gesetzmäßigkeiten der Ästhetik passierenden Photographie, eine gemäß den Ansprüchen der Kunst gehorchenden zentrale Wichtigkeit und unmissverständliche Aussagekraft. (Das Ziel ist das Werk, das trotz der unvermeidlichen Dissonanzen zur Erfahrungswelt und zum Gedanken – nicht falsch verstanden werden kann)

Werner Maria Klein
Kurator


AUTOPSIA I

Über die Kunst des Tihomir Pajtasev

Autopsia/Autopsie – von griechisch αυτο = selbst und ?ψη = die Betrachtung, der Blick, das Sehen – bezeichnet im Allgemeinen die genaue Untersuchung eines Gegenstandes oder Themas bzw. die Prüfung durch Augenschein; im Speziellen (der Medizin) eine Leichenschau (Leichenöffnung) bzw. (im Bibliothekswesen und bei Dokumentationen) die Erfassung von Dokumenten anhand der vorliegenden Originale – und steht im philosophischen Sinn für Selbstbeobachtung, eigenes Sehen und Wahrnehmen im Gegensatz zu den Berichten anderer.

„Wer ist die Gesellschaft? Ist es nicht der einzelne Mensch, der sich bewusst werden will oder nicht?“ Tihomir Pajtasev geht es „um den Individuationsprozess, um die Inspiration zu einem eigenständigen Weg bis zu dem innersten Wissen, jenseits der politischen Slogans, jenseits der geographisch-geschichtlich bedingten Mentalität.“

Tihomir Pajtasev arbeitet als bildender Künstler (Fotograf, Maler), als Autor, Tänzer und Bewegungstherapeut auf mehreren Ebenen an der Überwindung festgefahrener mentaler und emotioneller Muster, wie sie in unserer Zivilisation viele Verhaltensformen prägen – do­miniert von dem „mehr oder weniger gebildeten Intellekt, der uns sichere Orientierung, Recht auf Urteil, ein sauber gerahmtes Weltbild und Erfolg für die Zeit des Erdendaseins verspricht.“

Seine in Autopsia gezeigten fotografischen Arbeiten basieren auf rein „analogen“ Mitteln: computerunterstützte Nachbearbeitung ist höchstens auf die Farbgebung beschränkt. Die bis zur Abstraktion reichende Verfremdung seiner mit einer alten Leica aufgenommenen Akte entsteht durch Brechnungen und Spiegelungen mittels Glasplatten, die er zwischen Kamera und Objekt positioniert, oder durch nächtliche Unterwasseraufnahmen mit Licht – und damit eine, wie Wolfgang Pauser schrieb, „licht-technische Aufklärung des derzeit mythologisch und kommerziell-körperkultisch vereinnahmten dunklen Kontinents der Leiblich­keit.“ Die Entdinglichung der Körper geschieht somit ohne technologischen Eingriff, ihr „Morphing“ vom idealen Bild des Schönen (das sich bisweilen noch stellenweise erkennen lässt) in eine Ästhetik der Selbstentfremdung bis hin zur Auflösung vollzieht sich gleichsam wie von selbst zwischen oder innerhalb „transparenter“, also nicht sichtbarer Medien (Glas, Wasser, Licht). In Arbeiten wie Zungen brennen ... ist vom ursprünglichen Körperbild so gut wie nichts mehr wahrzunehmen, es ist transformiert in eine andere Bild-Sprache, die andere und neue Deutungen, Sichtweisen und Interpretationen ermöglicht. Pajtasev bezeichnet seine künstlerische Arbeit als „analytische Poesie im Bild-Text“. Als „Poesie“ kommt zur Sprache, was zwischen den Zeilen der äußeren Wahrnehmung liegt, um als „Bild-Text“ formuliert, visualisiert und publiziert zu werden. Im philosophischen Sinn von „Autopsie“ öffnet sich da heraus ein Weg zum „eigenen Sehen und Wahrnehmen“, oder, wie Tiho Pajtasev über sich und seine Mitarbeiter sagt: „Wir sind weder Aktivisten noch radikale Kritiker, wir sind weder off noch in space, bloß handwerkliche Präzisionsdenker. Ein hohes Niveau der analytisch-kritischen Poesie in Bild und Text kann das Werkzeug, die Argumentation und die Sinnhaftigkeit des Wortes ‚Parallelwelten‘ sowie die Schubladisierung der politisch und mental angepassten Sichtweisen verändern. Die nächste Frage ist: Wie rufe ich im künstlerischen Kontext den vergrabenen, teils durch radikale, teils spekulativ opportune Ideologien entfremdeten inneren Betrachter wach? Durch abgewogene Dosierung von Schönheit und geistigen Laserstrahlen! Ungebrochener Schalk der höflichen Präzision! And that’s what I try to do.”

Lucas Gehrmann
Kurator
Kunsthalle Wien

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